E&M VOR 20 JAHREN:
Südosteuropa war vor 20 Jahren „Markt mit Möglichkeiten“
In unserer Rubrik „E&M vor 20 Jahren“ veröffentlichen wir Artikel, die zwei Jahrzehnte zurückliegen und einen Blick darauf werfen, was damals in der Energiewirtschaft debattiert wurde.
Südosteuropa galt vor 20 Jahren für den Energiesektor als Schlüssel zu regionalem Wachstum, steigendem Wohlstand und darüber
hinaus als Türöffner auf dem Weg zur Europäischen Union, erklärten damals die Initiatoren der hochrangig besetzten Energiewirtschaftskonferenz
Südosteuropa, die am 8. Mai 2006 in München zum ersten Mal veranstaltet wurde. E&M-Redakteur Jochen Schultheiß berichtete damals:
„Südosteuropa repräsentiert einen Markt von 55 Millionen Menschen. Daraus ergeben sich zahlreiche Möglichkeiten für unternehmerisches Engagement, gerade im Strom- und Gasmarkt“, meint Dr. Erhard Busek, Sonderkoordinator des EU-Stabilitätspaktes für Südosteuropa und Vorstandsvorsitzender des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM, Wien). Die Region der südosteuropäischen Länder (SOE*) hatte es in der Vergangenheit nicht leicht. Doch zehn Jahre nach dem Ende des Bosnien-Krieges und fünf Jahre nach der Beendigung der blutigen Auseinandersetzungen im Kosovo wurde im Oktober 2005 zwischen der Europäischen Gemeinschaft und den SOE der „Vertrag zur Errichtung der Energiegemeinschaft“ paraphiert – ein Anfang und Fundament für eine dauerhafte Zusammenarbeit der Energiewirtschaften nach dem Vorbild der europäischen Kohle- und Stahlgemeinschaft. Auf der Grundlage des Vertrages verpflichten sich die SOE zur Übernahme der Europäischen Energie-Richtlinien.
Doch die Anforderungen an den Ausbau des Strom- und Gasmarktes sind enorm: „Fünfzehn bis zwanzig Milliarden Euro müssen in den kommenden zehn Jahren für die Modernisierung der bestehenden Kraftwerke, deren Anpassung an europäische Standards und den Aufbau neuer grenzüberschreitender Netze investiert werden“, schätzt Busek. Erste Engagements gebe es bereits: Die Weltbank habe bereits 1 Mrd. US-Dollar bereitgestellt und die Osteuropabank sehe in Südosteuropa ihre wichtigste Zukunftsaufgabe, so Busek. Die großen Energieversorger hätten sich bereits in der Region engagiert und planten umfassende Investitionen in Modernisierungen. Doch der Ausbau der Infrastruktur biete auch mittelständischen Unternehmen hervorragende Chancen, ist sich Busek sicher.
Die Möglichkeiten der Investitionen seien so vielfältig wie die Länder, sagt Mitinitiator des Forums Prof. Dr. Jürgen Gramke, Vorstandsvorsitzender des Institute for European Affairs (INEA, Düsseldorf). Hauptaugenmerk der Energiepolitik in den SOE sei beispielsweise die Verbesserung der Wirkungsgrade der Kraftwerke, die bei vielen Fernheizwerken zwischen 25 und 35 % betrage. Doch die regional unterschiedlichen Schwerpunkte reichen vom Ausbau von Wasserkraftwerken an den großen Flüssen bis zum verstärkten Einsatz regenerativer Energien, wie beispielsweise im stark landwirtschaftlich geprägten Bosnien. Energieeffizienz-Maßnahmen im gewerblichen wie privaten Bereich seien ebenfalls ein vorrangiges Ziel.
Busek nennt die Probleme der Energiemärkte in den SOE beim Namen. „Sozialimplikation“ heißt eines. „Der Strom- und Gaspreis war in vielen Ländern politisch und nicht wirtschaftlich bestimmt.“ Im Klartext: Höhere Energiepreise müssen den Endkunden erst einmal beigebracht werden. Im Strommarkt sieht Dr. Walter Hohlefelder, Vorstand der Münchner Eon Energie AG, trotz zahlreicher Kapazitäts-Engpässe und noch nicht ausreichend liquider Märkte erste Anzeichen von regionalen Preisbildungen auf Großhandelsebene.
Im Gasbereich sei für viele SOE-Länder der „Energie-Imperialismus“ Russlands ein wesentlicher Einflussfaktor. Die SOE-Länder sind zu über 50 % auf Gasimporte angewiesen. Nimmt man die Eigenproduktion von Rumänien heraus, steigt die Zahl auf über 80 %. Hauptlieferant ist zu 94 % der ehemalige „große Bruder“. Die restlichen 6 % des Erdgases stammen aus Algerien. Eine entscheidende Frage sei, ob und wie stark die Entwicklungen im Gasmarkt (Pipeline-Bau und Einsatz von LNG) einen Einfluss auf die SOE-Länder haben, meint Hohlefelder.
Es gebe bestimmte Kraftwerksprojekte, die realisierbar, geplant und auch finanziert seien, jedoch auf regionaler oder lokaler Ebene politisch behindert würden, erklärt Busek. Doch auch die Kredit-Vergabekriterien für viele Projekte seien seiner Meinung nach viel zu strikt. Gerade in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien bestehe die gleiche Aufbausituation wie bei uns nach dem zweiten Weltkrieg, erinnert Günther Mittl, Mitglied des geschäftsführenden Präsidiums des DOM Deutsche Ostforum München e.V. und Mitinitiator des Forums. Es müsste in Perspektiven von 20 bis 30 Jahren gedacht werden. Investoren müssten also einen ähnlich großen Mut haben, sich zu engagieren, wie bei uns nach dem Weltkrieg. Die Grundvoraussetzung dafür sei die politische Stabilität, die erst die Rahmenbedingungen für solch langfristige Investitionen schaffe. Beispielsweise Albanien und Serbien seien aber sehr viel stabiler als in den Medien dargestellt. Doch das könne man übrigens auch von Italien behaupten, fügt Busek ironisch hinzu.
* Die SOE, das sind Albanien, Bulgarien, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Montenegro, Rumänien, Serbien und die Interimsadministration im Kosovo.
„Südosteuropa repräsentiert einen Markt von 55 Millionen Menschen. Daraus ergeben sich zahlreiche Möglichkeiten für unternehmerisches Engagement, gerade im Strom- und Gasmarkt“, meint Dr. Erhard Busek, Sonderkoordinator des EU-Stabilitätspaktes für Südosteuropa und Vorstandsvorsitzender des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM, Wien). Die Region der südosteuropäischen Länder (SOE*) hatte es in der Vergangenheit nicht leicht. Doch zehn Jahre nach dem Ende des Bosnien-Krieges und fünf Jahre nach der Beendigung der blutigen Auseinandersetzungen im Kosovo wurde im Oktober 2005 zwischen der Europäischen Gemeinschaft und den SOE der „Vertrag zur Errichtung der Energiegemeinschaft“ paraphiert – ein Anfang und Fundament für eine dauerhafte Zusammenarbeit der Energiewirtschaften nach dem Vorbild der europäischen Kohle- und Stahlgemeinschaft. Auf der Grundlage des Vertrages verpflichten sich die SOE zur Übernahme der Europäischen Energie-Richtlinien.
Doch die Anforderungen an den Ausbau des Strom- und Gasmarktes sind enorm: „Fünfzehn bis zwanzig Milliarden Euro müssen in den kommenden zehn Jahren für die Modernisierung der bestehenden Kraftwerke, deren Anpassung an europäische Standards und den Aufbau neuer grenzüberschreitender Netze investiert werden“, schätzt Busek. Erste Engagements gebe es bereits: Die Weltbank habe bereits 1 Mrd. US-Dollar bereitgestellt und die Osteuropabank sehe in Südosteuropa ihre wichtigste Zukunftsaufgabe, so Busek. Die großen Energieversorger hätten sich bereits in der Region engagiert und planten umfassende Investitionen in Modernisierungen. Doch der Ausbau der Infrastruktur biete auch mittelständischen Unternehmen hervorragende Chancen, ist sich Busek sicher.
Die Möglichkeiten der Investitionen seien so vielfältig wie die Länder, sagt Mitinitiator des Forums Prof. Dr. Jürgen Gramke, Vorstandsvorsitzender des Institute for European Affairs (INEA, Düsseldorf). Hauptaugenmerk der Energiepolitik in den SOE sei beispielsweise die Verbesserung der Wirkungsgrade der Kraftwerke, die bei vielen Fernheizwerken zwischen 25 und 35 % betrage. Doch die regional unterschiedlichen Schwerpunkte reichen vom Ausbau von Wasserkraftwerken an den großen Flüssen bis zum verstärkten Einsatz regenerativer Energien, wie beispielsweise im stark landwirtschaftlich geprägten Bosnien. Energieeffizienz-Maßnahmen im gewerblichen wie privaten Bereich seien ebenfalls ein vorrangiges Ziel.
Busek nennt die Probleme der Energiemärkte in den SOE beim Namen. „Sozialimplikation“ heißt eines. „Der Strom- und Gaspreis war in vielen Ländern politisch und nicht wirtschaftlich bestimmt.“ Im Klartext: Höhere Energiepreise müssen den Endkunden erst einmal beigebracht werden. Im Strommarkt sieht Dr. Walter Hohlefelder, Vorstand der Münchner Eon Energie AG, trotz zahlreicher Kapazitäts-Engpässe und noch nicht ausreichend liquider Märkte erste Anzeichen von regionalen Preisbildungen auf Großhandelsebene.
Im Gasbereich sei für viele SOE-Länder der „Energie-Imperialismus“ Russlands ein wesentlicher Einflussfaktor. Die SOE-Länder sind zu über 50 % auf Gasimporte angewiesen. Nimmt man die Eigenproduktion von Rumänien heraus, steigt die Zahl auf über 80 %. Hauptlieferant ist zu 94 % der ehemalige „große Bruder“. Die restlichen 6 % des Erdgases stammen aus Algerien. Eine entscheidende Frage sei, ob und wie stark die Entwicklungen im Gasmarkt (Pipeline-Bau und Einsatz von LNG) einen Einfluss auf die SOE-Länder haben, meint Hohlefelder.
Es gebe bestimmte Kraftwerksprojekte, die realisierbar, geplant und auch finanziert seien, jedoch auf regionaler oder lokaler Ebene politisch behindert würden, erklärt Busek. Doch auch die Kredit-Vergabekriterien für viele Projekte seien seiner Meinung nach viel zu strikt. Gerade in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien bestehe die gleiche Aufbausituation wie bei uns nach dem zweiten Weltkrieg, erinnert Günther Mittl, Mitglied des geschäftsführenden Präsidiums des DOM Deutsche Ostforum München e.V. und Mitinitiator des Forums. Es müsste in Perspektiven von 20 bis 30 Jahren gedacht werden. Investoren müssten also einen ähnlich großen Mut haben, sich zu engagieren, wie bei uns nach dem Weltkrieg. Die Grundvoraussetzung dafür sei die politische Stabilität, die erst die Rahmenbedingungen für solch langfristige Investitionen schaffe. Beispielsweise Albanien und Serbien seien aber sehr viel stabiler als in den Medien dargestellt. Doch das könne man übrigens auch von Italien behaupten, fügt Busek ironisch hinzu.
* Die SOE, das sind Albanien, Bulgarien, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Montenegro, Rumänien, Serbien und die Interimsadministration im Kosovo.
Jochen Schultheiß
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Sonntag, 22.03.2026, 05:41 Uhr
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