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Quelle: Pixabay / Simon
E&M VOR 20 JAHREN:
Husum im Jahr 2005: Nachgefragt wie nie
Vor 20 Jahren zeigte die „HUSUMwind 2005“, wie international das Windgeschäft geworden war – und wie die Branche trotz politischer Unsicherheiten auf Wachstum setzte.
 
Dieser Artikel erschien am 30. September 2005 in Energie & Management und wurde von E&M-Redakteur Ralf Köpke verfasst. Er schildert die zunehmende Internationalisierung der Windbranche, wie sie sich damals auf der Messe HUSUMwind abzeichnete. Die Windkraft wurde nicht nur zum Exportschlager deutscher Unternehmen – auch neue Anbieter aus Südamerika, Asien und Indien meldeten sich am Markt. Politisch wurde die Branche vom Wahlausgang in Berlin gestärkt, technisch rückten neue Entwicklungen zur Leistungssteigerung in den Fokus.
 
Das Erstaunen stand Ulf Constantin im Gesicht. „Vorhin hatte ich einen Kunden aus Argentinien, der mir sagte, seine Firma baue eine eigene Windturbine“, erzählte der Verkaufsleiter der Radolid Thiel GmbH vielen seinen Besuchern. Nicht nur deshalb blieb der Mann vom Rio de la Plata Constantin so gut im Gedächtnis. Der Südamerikaner interessierte sich auch für die Kunststoffkappen, die das Lüdenscheider Unternehmen für Verschraubungen und Muttern an Windturbinen produziert.

In der Tat arbeitet die Industrias Metalúrgicas Pescarmona S.A.I.C. & F (IMPSA), eines der größten Familienunternehmen Argentiniens, an einer Windkraft-Anlage mit 1 MW Leistung und 56 m Rotordurchmesser. Wenn alles klappt, soll der Prototyp spätestens im nächsten Jahr die ersten Kilowattstunden erzeugen. „Wir wollen von dieser Maschine so viele wie möglich in Patagonien aufstellen“, beschreibt IMPSA-Vertriebsmanager Gabriel Galván die Pläne aus der Firmenzentrale in Buenos Aires. Der Standort für die neuen Maschinen ist bewusst gewählt: Patagonien zählt weltweit zu den windigsten Regionen.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass das Windgeschäft immer globaler wird, die diesjährige HUSUMwind hätte jeden Zweifler eines Besseren belehrt. „Wir hatten noch nie so viele Delegationen aus Südostasien“, schwärmte Hanno Fecke, Geschäftsführer der Messe Husum. Auch diese Besuchergruppen aus Fernost haben mit dazu beigetragen, dass die neunte Windmesse in der kleinen nordfriesischen Hafenstadt zur bislang größten (520 Aussteller) und bestbesuchten (15.000 Gäste) geworden ist.

Dass die weltweit größte Windkraft-Veranstaltung viel an Aufbruchstimmung ausstrahlte, ist vor allem dem überraschenden Wahlausgang zwei Tage vor Messebeginn zu verdanken. Im Falle eines schwarz-gelben Wahlsieges wäre die Gefahr sehr groß gewesen, dass es hier zu Lande zu einschneidenden Veränderungen bei der Windkraft-Förderung gekommen wäre. So wertete auch der scheidende Bundesumweltminister Jürgen Trittin den Wahlausgang als eine „eindeutige Stärkung“ des Erneuerbaren-Energie-Gesetzes (EEG): „Es wird demnächst in Berlin keine Konstellation geben, bei der nicht ausgesprochene Befürworter der Windkraft und der erneuerbaren Energien mit am Kabinettstisch sitzen.“

Seinen Auftritt bei der Eröffnungspressekonferenz ließ Trittin − sozusagen als Abschiedsgeschenk - nicht ungenutzt, der Union und vor allem den Liberalen ihre „wenig zukunftsfähige Energiepolitik“ vorzuhalten: „Dafür sind sie vom Wähler abgestraft worden.“ Bei diesen für die deutsche Windbranche unerwartet günstigen Zukunftsbedingungen verwunderte es dann nicht, dass sich am nächsten Tag nur drei Journalisten bei der Wahlanalyse des Bundesverbandes WindEnergie einfanden.

Dass die Zahl neuer Windturbinen zwischen Flensburg und dem Alpenvorland in den kommenden Jahren zurückgeht, darauf hat sich die Windbranche längst eingestellt. „Wir brauchen den deutschen Markt als Schaufenster für unsere neue Anlagen, unser eigentliches Geschäft sehen wir im Ausland“, betonte beispielsweise Hugo Denker, Mentor des neuen Turbinenherstellers Vensys Energiesysteme GmbH aus dem Saarland.

Dass die Vensys-Mannen, die bereits Lizenzen für ihre getriebelose 1,2 und 1,5 MW-Anlage nach Tschechien, Spanien und China verkauft haben, zumindest im Reich der Mitte künftig auch auf einheimische Konkurrenz treffen, haben sie auch Sönke Siegfriedsen zu verdanken. Deutschlands wohl bekanntester Entwickler neuer Windturbinen, in dessen Büro zuletzt auch die neue 5 MW-Multibrid-Maschine konzipiert worden ist, sitzt derzeit häufiger im Flieger Richtung Peking: „Wir entwickeln für zwei chinesische Kunden Anlagen in der Größenordnung zwischen einem und drei Megawatt.“

Europäisches Know-how, lokale Fertigung - darauf setzt auch die Suzlon Energy Ltd. Die Inder, die noch in diesem Jahr ihre erste Turbine mit 2,1 MW Leistung in Deutschland aufstellen wollen, sind auf Expansionskurs. In China, im mittleren Westen der USA sowie in Indien hat Suzlon derzeit neue Rotorblatt-Fertigungsstätten in Planung und Bau – womit auch die Kernregionen für die künftigen Suzlon-Aktivitäten genannt sind.

Zusammen mit den bereits vorhandenen Kapazitäten am Stammsitz Pune in Westindien wird Suzlon laut Hugo Schippmann, der für die Inder seit April dieses Jahres bei die Abteilung Strategic Business Development mit Sitz in Amsterdam koordiniert, nach Abschluss aller Erweiterungspläne über eine jährliche Produktionskapazität von annähernd 3 000 MW verfügen. Zum Vergleich: Nur der dänische Vestas-Konzern, der Weltmarktführer, verfügt derzeit mit gut 4 000 MW über ein größeres Fertigungsvolumen. Finanzieren wollen die Suzlon-Eigentümer, Firmengründer Tulsi Tanti und seine drei Brüder, das Wachstum über einen Börsengang noch in diesem Herbst.

Dass Vestas in diesem Jahr so viele Mühlen wie noch nie fertigt, haben die Dänen in erster Linie dem neuen Windboom in den USA zu verdanken. Über 120 Schiffe, die jeweils maximal 24 Turbinen fassen, hat Vestas gechartert, um all die bestellten Anlagen über den großen Teich schippern zu lassen. Allzu gerne hätte der Weltmarktführer noch ein paar Anlagen mehr gefertigt. „Es klemmt aber bei vielen Zulieferern, denen es schlicht an den entsprechenden Kapazitäten fehlt“, beschreibt Hans Jørn Rieks, Geschäftsführer von Vestas Central Europe, die Situation.

Nicht nur die USA, die derzeit einen großen Teil der weltweiten Windkraft-Fertigung quasi aufsaugen, sondern auch neue Märkte in Asien oder in Osteuropa sind nach Rieks Beobachtung „immer stärker im Kommen“. Und noch eine Entwicklung gibt es in der Windbranche: „Wir haben wieder einen Käufermarkt, die Nachfrage ist derzeit größer als das Angebot“, sagt Thomas Richterich, Vorstandschef der Nordex AG. Für die in den beiden vergangenen Jahren krisengeschüttelte Windschmiede aus Norderstedt kommt diese Situation gerade recht, um so schneller schreibt Nordex wieder Gewinne. Dank eines rasant gestiegenen Auftragseingangs will Richterich am Jahresende die 300 Mio. Euro-Umsatzgrenze erreichen - womit das Unternehmen den turn-around geschafft hätte.

Neben der zunehmenden Globalisierung der Windbranche zeigte sich noch ein weiterer Trend in Husum: Die technischen Innovationen werden immer ausgefeilter, um die Effizienz der Anlagen zu erhöhen. Zwei Beispiele dazu: Ein drei bis fünf Prozent höherer Stromertrag lässt sich mit einem neuen System zur Differenzdruckmessung der Rosenheimer Firma IXIST Messtechnik GmbH erzielen. Entwicklungsleiter Klaus Ritzinger: „Mit der bisherigen Technik waren die Turbinen nicht immer optimal in den Wind ausgerichtet. Unsere bisherigen Tests zeigen, dass die Windmüller mehr Kilowattstunden aus ihren Mühlen herausholen können.“ Weshalb auch die bislang ablehnende Front der Windturbinen-Hersteller gegen das neue IXIST-Messsystem „zu bröckeln“ beginne.

Auch auf höhere Erträge zielt Hermann Oehme mit seinem neuen entwickelten Gittermast ab. „Im Vergleich zu den gängigen Rohr- oder Stahlbetontürmen kommen wir in größere Höhe, wo bekanntlich stärkere Winde wehen“, beschreibt der Geschäftsführer der Tower Tec GmbH die Vorteile. Die Probe aufs Exempel will Oehme im kommenden Jahr antreten, wenn erstmals eine Vensys-Gondel auf seinen Turm montiert wird.

Nicht nur eine Anlage, sondern gut drei Dutzend will die Ostwind-Gruppe aus Regensburg im kommenden Jahr in Frankreich errichten - womit die Oberpfälzer sozusagen Marktführer im Nachbarland wären. „Da wir endlich eine Netzzusage der EdF bekommen haben, können wir das Projekt in den nächsten Monaten endlich umsetzen“, sagt Geschäftsführer Ulrich Lenz.

Als Pionier auf dem deutschen Markt hat Ostwind auch längst den Weg ins Ausland angetreten. Neben Frankreich hat Lenz Windparks in Griechenland, Kroatien und Tschechien in Planung. Dass immer mehr Länder „die natürliche Ressource Wind“ nutzen, ist für ihn eine ausgemachte Sache: „Die sich häufenden Naturkatastrophen und die Preiserhöhungen für fossile Energien der vergangenen Monate bringen die Windenergie immer mehr voran“, so der Windmanager. Und zwar weltweit, wie die jüngste HUSUMwind eindrucksvoll zeigte.
 

Ralf Köpke
© 2025 Energie & Management GmbH
Donnerstag, 31.07.2025, 04:23 Uhr

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