Benzin- und Dieselautos können voraussichtlich auch nach 2035 in der EU zugelassen werden. Die EU setzt nicht mehr alleine
auf Elektroautos. „Damit sollten die in Bedrängnis geratenen Autobauer unterstützt werden“, sagte Kommissionspräsidentin Ursula
von der Leyen am 16. Dezember: „Technologische Innovationen verändern die Mobilität und geopolitische Entwicklungen formen
den weltweiten Wettbewerb.“ Die EU erhebt dabei weiter den Anspruch, an der Spitze des globalen Übergangs zu sauberen Technologien
zu stehen.
Dass sie da wirklich steht, bezweifeln Konservative und Grüne, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Letztere werfen den
Autobauern vor, nicht konsequent auf Elektrofahrzeuge zu setzen und gegenüber der chinesischen Konkurrenz ins Hintertreffen
zu geraten. Konservativ regierte Länder wie Deutschland, Italien oder Tschechien machen für das schleppende Geschäft der Autoindustrie
dagegen unrealistische Vorgaben aus Brüssel verantwortlich. Sie haben in den vergangenen Wochen erheblichen Druck auf die
Kommission ausgeübt, um das eigentlich schon beschlossene Aus für Verbrennungsmotoren ab 2035 aufzuweichen.
Mehr Flexibilität, aber auch höhere Auflagen
In welchem Umfang das gelungen ist, lässt sich bisher nicht mit Sicherheit sagen. Ein umfangreiches „Autopaket“, das die Kommission am 16. Dezember vorgelegt hat, gibt
anderen Technologien als E-Fahrzeugen eine Chance, erfüllt aber wohl nicht alle Wünsche der Autoländer. Auf die Industrie kommen zahlreiche neue Auflagen zu. Zum
Trost schlägt die Kommission eine Reihe von Vereinfachungen vor. Die Industrie könne dadurch rund 700 Millionen Euro im Jahr
einsparen, behauptet die Kommission. So sollen bestimmte Tests für Neufahrzeuge seltener durchgeführt werden.
Kern des „Autopaketes“ ist, dass die Industrie mehr technologische Flexibilität erhält. Bislang gilt: Im Jahr 2035 müssen
die Hersteller die Emissionen der Neufahrzeuge um 100 Prozent – im Vergleich zu 2021 – reduzieren. Jetzt schlägt die Kommission
vor: die Emissionen müssen nur noch um 90 Prozent reduziert, 10 Prozent können dadurch kompensiert werden, dass neue Fahrzeuge
aus „grünem“ Stahl hergestellt und klimaneutrale Kraftstoffe verwendet werden. Mehr Flexibilität bei der Erfüllung von Abgasnormen erhalten auch die Anbieter von Nutzfahrzeugen.
Neben Erleichterungen für die Anbieter soll das Autopaket auch die Nachfrage ankurbeln. Dazu zählt die Kommission vor allem
die Einführung einer neuen Fahrzeugkategorie, des „kleinen erschwinglichen Elektroautos“. Damit soll ein starker Anreiz zum
Bau von kleinen Fahrzeugen geschaffen werden, die sich auch einkommensschwache Verbraucher leisten können. Die Autoindustrie
erhält für den Verkauf der kleinen E-Autos „Superkredite“, also Gutschriften bei der Erfüllung ihrer Klimaauflagen. Außerdem
erwartet die Kommission, dass die Mitgliedstaaten zusätzliche Anreize setzen, um den Absatz der Kleinwagen zu unterstützen.
Firmenflotten sollen bestimmten Anteil an E-Autos nachweisen
Auch Fahrzeugflotten von Firmen sollen künftig mehr E-Autos aufweisen. Die Mitgliedsstaaten müssen durch Quoten, Steuervorteile
oder andere Anreize durchsetzen, dass der Anteil an Stromern steigt. Weil Dienstfahrzeuge mehr Kilometer im Jahr zurücklegen,
bedeute das auch eine höhere Emissionssenkung. Private Verbraucher würden davon durch eine Belebung des Gebrauchtwagenhandels
profitieren, heißt es in Brüssel.
E-Fahrzeuge blieben dabei die tragende Säule der Dekarbonisierung des Verkehrs, sagte Klimakommissar Woepke Hoekstra. Damit
die Europäer auch beim Bau wettbewerbsfähiger werden, stellt die Kommission 1,8 Milliarden Euro für den Aufbau einer vollständig europäischen Wertschöpfungskette für Batterien bereit, davon 1,5 Milliarden Euro als
zinslose Darlehen.
Welche Wirkung das Maßnahmenpaket genau auf die Branche haben wird, konnte Hoekstra nicht sagen. Zunächst komme es darauf
an, das Autopaket zügig zu verabschieden. Dieser Wunsch wird möglicherweise nicht in Erfüllung gehen. Die Sozialdemokraten sehen die Zukunft zwar in der Elektromobilität,
unterstützen aber die Flexibilisierung des Übergangs. Widerstand kommt vor allem von den Grünen. Der Verbrenner sei ein Auslaufmodell
und werde die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Autoindustrie weiter schwächen. Die Vorschläge der Kommission seien „ein
fatales Signal der Verunsicherung für Verbraucher, Industrie und den Klimaschutz“, sagt der Abgeordnete Michael Bloss (Grüne).
Für die Konservativen ist das Verbrenner-Aus dagegen „ein Fehler, der nun korrigiert wird“. Die EU schwenke damit auf einen
Kurs ein, der „Klimaschutz und industrielle Wettbewerbsfähigkeit gleichermaßen berücksichtigt“, sagt der Europaabgeordnete
Jens Gieseke (CDU). Der Vorschlag der Kommission sei allerdings erst „der Startpunkt für eine endgültige Kurskorrektur“.

Quelle: E&M
Donnerstag, 18.12.2025, 10:04 Uhr
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