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Enerige & Management > E&M Vor 20 Jahren - Die Kohle im Solarzeitalter
Quelle: Fotolia / Tom-Hanisch
E&M VOR 20 JAHREN:
Die Kohle im Solarzeitalter
Vor 20 Jahren führte E&M-Korrespondentin Cerstin Gammelin Tagebuch über Energie-Ereignisse in Berlin. Für die erste März-Woche 2006 finden sich folgende Eintragungen.
 
Montag, 27. Februar
„Klima gut“, bringt Sigmar Gabriel seine 100-Tage-Bilanz in der Großen Koalition auf den Punkt. Das Umwelt-Ressort könne bereits erste Erfolge verbuchen, erklärt der ambitionierte Niedersachse vor der Bundespressekonferenz, und führt unter anderem das Fluglärmgesetz, die Kennzeichnung emissionsarmer Fahrzeuge und den internationalen Klimaschutz als Beispiele an. Die erste richtige Bewährungsprobe steht allerdings erst kurz bevor: Den differierenden Interessen in Politik und – vor allem – in den betroffenen Branchen zum Trotz will Gabriel die Emissionszertifikate im Nationalen Allokationsplan II (NAP II) so verteilen, dass tatsächlich Anreize zum Investieren in CO2-arme effiziente Technologien gesetzt werden. Ein Ziel, das Amtsvorgänger Jürgen Trittin verfehlte, weil er sich von zu vielen Interessengruppen Sonderregelungen diktieren ließ.

Mittwoch, 1. März
Dass in Berlin gestreikt wird, ist nichts Besonderes. Aber diesmal trifft es den überwiegend in Ostdeutschland Braunkohle verstromenden Versorger Vattenfall Europe. Ein Viertel der Belegschaft von rund 20 000 Mitarbeitern demonstriert während der außerordentlichen Hauptversammlung für einen einheitlichen Tarifvertrag. Unterstützt werden sie von Sambatrommlern der Umweltorganisation Robin Wood, die gegen Braunkohle und Atomkraft protestieren.

Freitag, 3. März
Um 23:59 Uhr läuft die Anmeldefrist für die SPD-Konferenz „Neue Energie“ ab. Die Zahl derer, die der energiepolitischen Standortbestimmung der Genossen im Willy-Brandt-Haus beiwohnen dürfen, sei begrenzt, warnt die Partei bereits auf ihrem elektronischen Anmeldeformular – und fragt vorsorglich die Parteibuchnummer ab.

Sonntag, 5. März
Der bundesweite „Tag des Energiesparens“ inspiriert den Verband der Elektrizitätswirtschaft (VDEW) dazu, die Verbraucher zum Stromsparen zu mahnen. Jede einsparte Kilowattstunde spüle bundesdurchschnittlich 18 Cent in jede Haushaltskasse, lässt VDEW-Chef Eberhard Meller erklären und empfiehlt den Kauf energieeffizienter Elektrogeräte.

Montag, 6. März
Das Atrium im Willy-Brandt-Haus ist überfüllt, als SPD-Generalsekretär Hubertus Heil ans Mikrophon tritt, um den „jahreszeittypisch an Grippe“ erkrankten Finanzminister Peer Steinbrück zu entschuldigen, der die SPD-Konferenz „Neue Energie“ eröffnen sollte. „Sie sind vollständig richtig hier“, erklärt Heil den fast 400 Anwesenden und übergibt das Wort seinem Parteichef. Matthias Platzeck bekräftigt, die von der SPD längst eingeleitete „Energiewende aus den Zwängen der Öl- und Gaswirtschaft hin zum Solarzeitalter“ fortzuführen. Gleichwohl erinnern ihn sowohl der in erster Reihe unter den Zuhörern sitzende Franz Müntefering und sein Amt als Regierungschef des Landes Brandenburg daran, die Kohle nicht zu vergessen. „Die alten Energieträger Braunkohle und Steinkohle“, erklärt Platzeck, „bleiben über die Zeitspanne des Strukturwandels zuverlässig verfügbare Rohstoffe und bieten Geleitschutz in die postfossile Zivilisation.“ Schulterschluss zeigen die Genossen von Heil über Platzeck bis hin zum selbsternannten „Umwelt- und Energieminister Sigmar Gabriel“ beim Atomausstieg: „Zu einer intelligenten Energieeffizienz-Strategie gehört für Sozialdemokraten der Verzicht auf Atomkraft“, erklärt jeder von ihnen in seinem Statement.
 

Fritz Wilhelm
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